Ja, ich weiß, ich schreibe gerne sehr emotional. Das liegt wohl daran, dass Fliegen für mich ein sehr intensives Erlebnis ist. Deswegen beurteile ich Flügel, Gurtzeuge und alles, womit ich fliege eben auch so, wie ich es erlebe.

Wenn dir also mein Testbericht subjektiv und emotional erscheint, hast du sicher recht. Du kannst dir ja mit einem Testflug deine eigene Meinung bilden - oder dein eigenes Gefühl.

airdesign rise 3 003 540Konstruktion

Dass ein aktueller High-B Flügel auf dem Stand des derzeit technisch möglichen ist, sollte sich von selbst verstehen. Neben der Haifischnase, dem 3D-Shaping für eine hohe Profiltreue, Mini-Ribs zur optimalen Lastverteilung an den Aufhängepunkten usw. wartet der Rise 3 aber noch mit einigen konstruktiven Besonderheiten auf.

Entgegen dem allgemeinen Trend zu immer mehr Zellen hat der neue AirDesign Flügel trotz seiner beachtlichen Streckung von fast 6 davon »nur« 49. Das wirkt sich u.a. positiv auf die Wiederöffung nach Klappern aus, gibt dem Flügel eine hohe Stabilität, spart Gewicht und ermöglicht eine sehr ausgewogne Leinen-Geometrie. Ein interessantes Konzept, das  dem Komfort und der Gutmütigkeit des Flügels zu gute kommt und sicher auch der Konstanz des Profils nach vielen Flugstunden.

An den Flügelenden finden sich markante kleine Winglets und sog. »Vortex-Holes«, Löcher an der Außenseite der Winglets. Beides dient der Randwirbel-Reduzierung und verbessert  den induzierten Widerstand.

Erst bei genauerem Hinsehen fällt die relativ lange Verbindung zwischen Tragegurt und Bremsrolle auf. Ein AD-Typisches Detail, das eine sehr variable Kurvensteuerung (»brake-shifting«) ermöglicht. Dazu später mehr.

Mit einem leichten und trotzdem robusten Materialmix bringt der Rise 3 in Größe S nur knapp mehr als 4 kg auf die Waage und ist bei kleinem Packmaß  damit auch gut für Liebhaber des Startplatzwanderns geeignet.

Verarbeitung

Qualität und Verarbeitung sind vorbildlich. Alles ist sehr sauber vernäht. Auffallend sind das außergewöhnlich glatte Obersegel und das sehr exakte Profil, gut zu erkennen auf Fotos, die wir beim Fliegen gemacht haben.

Tragegurte und Leinen

In der Standard-Variante bekommt man den Rise 3 mit gewichtsoptimierten, aber soliden 13mm Tragegurten und unummantelten Dyneema-Leinen, die zum besseren Schutz im unteren Teil eigefasst sind. Das klassische 3x3 Setup (3 Stammleinen in drei Ebenen) hält den Flügel sehr gut in Form, die obere Leinengeometrie beugt Verhängern vor und lässt die Ohren gut anlegen.

Gut gelöst sind die farblich auffällig markierten die C-Riser. Sie sitzen an genau der richtigen Stelle, man kann also die Bremsen ohne Leinenzug in der Hand behalten und gleichzeitig fein und effektiv über die C-Gurte steuern.

Für Gewichts-Fetischisten gibt es alternativ zu den Standard-Tragegurten auch Softlinks, die etwa 150g pro Paar einsparen.

rise 3 riser 001 540Ausstattung

Neben dem gut zu tragenden und relativ leichten (außen-) Packsack gehören Speeder und Reparaturmaterial zum Lieferumfang. Das Highlight ist aber das AirPack 50/50, mit dem sich der Flügel sehr einfach klein packen lässt, bei minimalem Gewicht.

Testflüge

Den Rise 3 bin ich in Größe S (72-92kg) an der Obergrenze des Gewichtsbereichs geflogen. In der Auvergne, im Schwarzwald und in den Alpen hatte ich bei insgesamt ca. 10 Flugstunden sehr unterschiedliche Start- Flug- und Lande-Bedingungen, vom Starkwind über Fingerspitzenthermik bis zu durchaus anspruchsvollen alpinen Verhältnissen.

Start

Der Rise 3 lässt sich bei allen Windbedingungen einfach starten. Ein sanfter Aufziehimpuls reicht aus, der Flügel steigt gleichmässig nach oben und bleibt auch ohne markante Bremse dort stehen. Sogar ohne Hilfe der A-Tragegurte funktioniert das vorwärts wie rückwärts einwandfrei.

airdesign rise 3 001 540Handling

Schon beim ersten Flug fiel mir der sehr angenehme, progressive Steuerdruck auf, einen Tick härter, als beim Vorgänger Rise 2. Kombiniert mit relativ kurzen (Reaktions-) Steuerwegen und einem sehr präzisen, aber feinen Feedback vom Flügel weiß ich sofort, was in der Luft los ist. In AirDesign-typisch moderater Dosis, so dass ich mich sofort absolut wohl und sicher fühle.

Der Rise 3 reagiert exakt und schnell, sowohl auf Gewichts- als auch Bremsensteuerung. Als aerodynamisch up-to-date fliegt er dabei gerne in der Kurve ohne Außenbremse, die man beim Kurbeln auch nur zum Turbulenzausgleich braucht.

Apropos Außenbremse: wer den Steuerdruck als etwas härter empfindet, sollte unbedingt darauf achten, dieselbe möglichst offen zu lassen. So lässt sich die Innenbremse beim Kurbeln im physiologischen Idealbereich steuern und man hat den Flügel damit gut unter Kontrolle.

Abreißen wird man den den Rise 3 wohl nur mit voller Absicht, denn der Steuerdruck nimmt Richtung Stalllpunkt deutlich zu und ist lang genug. Auch hier haben die Entwickler von AD die hohe passive Sicherheit des Rise 2 nochmals verbessert.

Insgesamt finde ich das Handling sehr ausgewogen abgestimmt, nichts zu viel und nichts zu wenig. In Punkto Harmonie, Agilität und Präzision zieht der Rise 3 sicher mit dem Volt 2 (EN/LTF C) gleich, für mich bisher die Handling-Referenz in der Sportklasse.

Wer gerne mal seine Resthöhe über dem Landeplatz abturnt, wird mit dem Rise 3 die wahre Freude haben! Er läßt sich mit wenig Input wunderbar Wingovern und bleibt dabei stabil und sehr gut kontrollierbar.

airdesign rise 3 005 540Fluggefühl

Das Fluggefühl ist nicht so einfach in Worte zu fassen. Begriffe wie stabil, komfortabel, oder wendig sind zu nüchtern, um es zu beschreiben. Bei mir kam mit dem Flügel jedenfalls sofort Freude auf, und das ist mehr als Spaß. Das Fliegen mit dem Rise 3 erlebe ich als entspannt und im guten Sinne herausfordernd.

Was mir auch gefällt: der Flügel stellt seine Trümpfe mit AD-typischem Understatement nicht plakativ zur Schau, sondern genau dann zur Verfügung, wenn man sie braucht. D.h.  alle seine guten Eigenschaften  entfalteten sich bei Fliegen wie selbstverständlich, dabei eher unaufdringlich, aber nachhaltig. 

airdesign rise 3 011 540Thermik

Zugegeben: trotzdem ich Easy, Vita 2, Rise 2 und Volt 2 von AD sehr gut kenne und sich der Rise 3 deutlich familienverwandt zeigt, hab ich die vielfältigen Kurvensteuermöglichkeiten erst nach und nach entdeckt.  Aussenbremse auf! Und dann nur wenig Gewicht nach innen,  manchmal sogar nach außen!

Gerade bei sehr schwacher Thermik ist das in Kombination mit den Möglichkeiten des Brake-Shifting sehr effektiv. Letzteres ist eine gezielte Anlenkung der Flügel-Hinterkante entweder auf der vollen Länge  (flach und trotzdem sehr eng drehen) oder mehr am Flügelende (steil kurbeln). Die spezielle Bremsleinengeometrie sowie die recht lange Verbindung zwischen Tragegurt und Bremsrolle machen's durch Zug der Bremse nach aussen oder nach innen möglich.

Hier bietet der Flügel also weit mehr Möglichkeiten, als nur rechts / links bzw. viel oder wenig Schräglage. Wer's raus hat wird mit dem Rise 3 schnell zum Kletterkünster, egal ob ein Thermikhauch bei bedecktem Himmel oder Alpenhardrock auf der Wetteragenda stehen.

Und wenn ich einmal nicht genau weiß, wo die Thermik steht, lasse ich die Hände oben und den Rise 3 einfach fliegen. Er findet sie dann schon! Und zieht ohne Aufstellen einfach rein.

Bleibt noch zu erwähnen, dass ich auch in starken und ruppigen Bärten kaum je so entspannt und schnell nach oben unterwegs war (ausser mit dem Vita 2, wobei der Rise 3 eindeutig wendiger ist), mir das knifflige Ausgraben in Geländenähe richtig Freude macht und ich viel Lust habe, die komplexen Steuermöglichkeiten noch weiter auszutüfteln und zu verfeinern.

Geschwindigkeit & Gleiten

Während der Rise 3 im Trimmspeed schon sehr gut gleitet und sicher nicht zu den langsamen seiner Klasse gehört, bin ich vom beschleunigten Fliegen doch überrascht. So viel Geschwindigkeitszuwachs habe ich nicht erwartet! Und das bei immer noch sehr gutem Gleiten! Am besten konnte ich das testen an einem Starkwind-Soaring-Abend am Kandel, im Vergleich mit einem ebenfalls neuen High-B Modell eines anderen namhaften Herstellers.

In deutlich bewegter Alpenluft hatte ich dann das Gefühl, dass der Rise 3 noch eins oben drauf setzt, weil er superstabil auch durch Turbulenzen pflügt, ohne und mit Gaspedal, und dabei gleitet und gleitet und gleitet ... Für mich ist das viel mehr wert, als eine praxisferne Gleitzahl in ruhiger Luft.

Nicken, Rollen und Klapper

Beim Nicken gibt's mit dem Flügel nicht auffälliges, die Dämpfung ist gut, aber auch nicht zu viel. Rollen geht sehr präzise und mit wenig Input, mir gefällt das, denn so lässt sich der Rise 3 eben präzise steuern. Hier zeigt sich allerdings auch, dass der Flügel Flugerfahrung und selbstverständliches aktives Fliegen voraussetzt.

Bei gezogenen 50-70% Klappern reagiert der Rise 3 sehr moderat: kaum Wegdrehen, sehr leicht mit wenig Gewicht stabil zu halten. Und zügiges Öffnen ohne Schnalzen. Fairer Weise muss man sagen, dass die gezogenen Klapper wenig mit der turbulenten Realität zu tun haben. Ich habe aber den Eindruck, dass der Rise 3 in verantwortbaren Flugbedingungen sehr klappstabil fliegt und bei Annäherung an den roten Bereich rechtzeitig warnt. Freilich eher moderat, denn er ist für entspanntes Fliegen konzipiert und darf als High-B etwas Fliegerverstand und -Gefühl voraussetzen.

airdesign rise 3 002 540Steilspirale

Mein Lieblingsmanöver! Die Einleitung ist einfach, der Übergang von der Steilkurve in die Spirale sanft. Sie läßt sich sauber dosieren und kontrollieren, das Ausleiten ist ebenso einfach, braucht aber auch klassentypisch etwas Gefühl, damit der Flügel kontrolliert in den Normalflug übergeht. D.h. Mit etwas Aussenbremse Fahrt raus nehmen und dann noch etwas nachdrehen lassen, bis die Energie weg ist.

Liebhaber der G-Kräfte (ich bin einer!) kommen beim Spiralen mit offener Aussenbremse auch etwas schneller runter ... Trotzdem selbst bei Sinkwerten über 12m/s alles sehr gut kontrollierbar (solange das Licht an bleibt) und einfach zu handeln. Sehr fein!

Ohren anlegen

Sehr gespannt war ich darauf, brauchte doch der Vorgänger Rise 2 dafür etwas Gefühl und manch andere High-B Geräte gar eine Spezialbehandlung, damit die Ohren nicht schlagen. Beim Rise 3 ist das dagegen sehr einfach. Stabile Ohren, gute Sinkwerte, einfaches Rollen auch mit größerer Einklapptiefe, wenig Kraftaufwand zum halten. Bei meinem Fluggewicht öffnen sie langsam, gleichmäßig und selbständig. So soll es sein!

airdesign rise 3 006 540Landung

Die Landung ist - wie schon der Start - unspektakulär einfach. Mit den Bremsen lässt sich der Gleitwinkel gut dosieren, bei offenen Bremsen läuft der Rise 3 im Endanflug ruhig und schnell, um ihn dann gut und sauber für eine sanfte Bodenberührung ausfliegen zu können. Selbst bei Null- oder leichtem Rückenwind.
Bei starkem Wind spielt der Flügel seinen Geschwindigkeitstrumpf aus und selbst kräftige Böen lassen sich dank des direkten Handlings und der kurzen Steuerwege auch in Bodennähe noch gut handeln.

Pilotenanspruch

Der Rise 3 ist ein reinrassiger High-B Flügel. Auch wenn das Prüfprotokoll sehr »brav« aussieht, erwartet der Rise 3 solide Flugerfahrung, aktives Fliegen und ein gutes Gefühl für das Gerät und die Luft. D.h., wenn du schon eine solide Anzahl an Flugstunden gesammelt und mindestens 40-50 Std. Flugtraining im Jahr hast, dann wirst du mit dem Rise 3 viel Freude haben, ein sehr gutes Leistungsniveau entfalten können und dich auch als erfahrener Pilot noch weiter entwickeln.

Fazit

Erlaubt mir, an dieser Stelle mal ein anderes Vokabular zu verwenden, als man es üblicher Weise bei solchen Fazits verwendet:

Ich finde den Rise 3 einfach absolut geil! Er macht mir eine riesen Freude beim Fliegen, lässt mich sehr entspannt unterwegs sein und erweitert mir nochmals (trotz meiner nicht ganz unerheblichen Flugerfahrung) den fliegerischen Horizont. Als bisheriger C-Klasse-Pilot finde ich alle Vorteile eines rassigen Sportflügels, bei gleicher oder sogar besserer Performance, als ich es bisher kenne, und deutlich komfortabler.

Wer aktives Fliegen drauf hat und eine Limousine mit Sportfahrwerk lieber mag, als einen Weichgefederten, der wird vom Küstensoaren bis zum Streckenfliegen mit dem Rise 3  einen wirklich tollen und optisch sehr schönen Flügel über sich haben.

Thomas

airdesign rise 3 010 540