Zur radikalen Reduktion der Stammleinen in der B-Klasse

Vorweg: ich persönlich mag Experimentierfreude und Innovationslust, denn es sind die entscheidenden Antriebe für gesunde Entwicklungen. Gelegentlich muss man sich allerdings die Frage stellen, ob jede Innovation auch wirklich eine solche ist, d.h. ob sie zu dem führt, was man beabsichtigt hat.

Im Falle der Gleitschirmentwicklung heißt das für mich: zur besseren Unterstützung des Piloten beim Erfüllen seiner Flugträume.

Nehmen wir als konkretes Beispiel die radikale Reduktion der Stammleinen von drei in der A-Ebene auf zwei. Das bedeutet zunächst rein rechnerisch weniger Luftwiderstand und damit ein besseres Gleitvermögen bei höheren Geschwindigkeiten. Dieses Plus erkauft man sich allerdings mit recht unangenehmen Nebeneffekten.

dohle 001 540So kann viel leichter als bei drei Stammleinen pro Flügelseite das Flügelende im Falle eines (sicher in der B-Klasse relativ unspektakulären) eventuellen Klappers verhängen. Vielleicht nicht bei einem Testflug-konformen Normklapper. Aber in der thermisch turbulenten Praxis.

Darüber hinaus wird die Standard-Abstiegshilfe Ohren anlegen zum kritischen Manöver. Zum einen, weil es nicht mehr wie gewohnt, sondern nur noch gemäß spezieller Technik nach dem genauen Studium des Betriebshandbuches oder einer speziellen Geräteeinweisung möglich ist (wie viele Piloten wissen das eigentlich, bevor sie einen Schirm dieser Bauart fliegen?). Andernfalls klappt man leicht zu viel Ohren ein und der Schirm kann unter ungünstigen Umständen abreißen oder kollabieren. Zum anderen weil die Ohren möglicherweise einschlaufen und nur unter erheblichen Schwierigkeiten oder gar nicht mehr auf gehen. (Beim Test in ruhiger Luft mehrfach passiert).

Für mich persönlich sind solche Konstruktionsmerkmale eher eine Marketing Antwort auf den Leistungshype der Szene als wirklicher Gewinn für den Piloten in der B-Klasse. Für einen Hochleister mag das anders aussehen. Interessanter Weise ist Gin mit seiner aktuellen im Wettkampf überragend erfolgreichen Supersichel im Gegensatz zu Ozone beim Dreileinerkonzept geblieben (allerdings sind es hier drei Leinenebenen und nicht drei Stammleinen in der A-Ebene).

Rein rechnerisch entspricht der Gewinn an aerodynamischer Güte (beim Unterschied zwischen zwei oder drei Stammleinen auf der A-Ebene) in etwa dem Luftwiderstand einer GoPro, was ich persönlich als lächerlich einstufen möchte. Ein geschlossenes Helmvisier bringt im Gegensatz zum offenen Helm ohne Visier an Gleitvermögenszuwachs etwa das doppelte. Oder eine optimierte Sitzpositition.

Klar kann man jetzt argumentieren: die Widerstandsverringerung durch die Leinenreduktion gibt es dann aber noch zusätzlich obendrauf. Das ist richtig, nur eben: zu welchem Preis?

Ich erwarte von einem Schirm in der B-Klasse dass ich mich auch in anspruchsvollen Bedingungen noch mit vollem Vertrauen auf mein Gerät ganz auf's Fliegen konzentrieren kann und mir über's Ohren-Anlegen keinerlei Gedanken machen muss. (Thomas)