Zur Wettersituation im Frühjahr 2013

Alle sehnen sich nach Flugwetter. Doch die Prognosen sind jeden Tag dieselben: Regen, Wind und für die Jahreszeit viel zu tiefe Temperaturen. Und wenn es mal eine Hoffnung auf Flugwetter gibt, dann währt sie nur kurz. So geht das nun schon fast das ganze Jahr. Aber warum? Ist wieder einmal die Klimaerwärmung schuld?

mammatus 800So einfach ist das nicht zu beantworten, die Zusammenhänge sind unübersehbar komplex und so lässt sich nicht die eine konkrete Ursache bestimmen. Allerdings gibt es ein paar Eckdaten, sozusagen mittelfristige Symptome der großen Wetter-beeinflussenden Faktoren, die insgesamt für unsere aktuelle Situation verantwortlich sind. Eine Analyse derselben habe ich mal versucht und ich finde sie sehr interessant. Man möge mir nachsehen, dass dies ein paar Zeilen Text benötigt.

Der Golfstrom

Ein entscheidender Faktor im Spiel der wetterbestimmenden Naturkräfte in unserem Breiten ist der Golfstrom. Er transportiert ja bekanntlich via Warmwasserheizung die subäquatoriale Wärme des Golfs von Mexiko bis in den Nordatlantik. Das beschert uns normalerweise große Temperaturgegensätze zwischen der kalten, polaren Festlandsluft und der milderen und feuchten maritimen Luft im Nordatlantik etwa bei Island.

Das Grönlandhoch

Wie ein gewaltiger, permanenter Kühlschrank wirkt die riesige Insel mit dem größten Gletscher der Welt. Verstärkt durch die Höhenlage (bis über 2000m NN) herrschen über dem Eis auch im Hochsommer Tiefsttemperaturen, vor allem aber in der sonnenarmen Zeit. Deshalb bildet sich hier i.d.R. ein sehr markantes Kältehoch, im Winter nicht selten mit einem QNH bis zu 1065 hpa! Das Hoch ist meist auf Grönland begrenzt und deshalb relativ klein. Es transportiert mit seiner Rechtsdrehung die kalte Luft vom Grönlandgletscher sowie die kalte Luft aus der polaren Region insgesamt mit sehr hohen Windgeschwindigkeiten nach Süden, wo sie dann mit der vom Golfstrom erwärmten Meeresluft zusammen trifft. Beim Zusammentreffen der Luftmassen labilisiert sich die stabile maritime Luft stark. Hier entsteht ein kräftiges Tief.

Veränderungen

Nun hat sich aber der Golfstrom derzeit abgeschwächt, genauer gesagt, er erwärmt den Nordatlantik etwas weniger, als üblich. Daraus resultiert, dass die Luftmasse zwischen Island und den Azoren aufgrund der geringen Temperaturdifferenz zwischen Meer und Luft recht weit im Norden stabilisiert. Diese Stabilisierungszone kennen wir als Azorenhoch, sie verschiebt sich derzeit aber immer wieder mal weiter in den Westen und Norden als üblich, und etwa sw von Grönland entsteht nun das bisherige Islandtief, denn der Golfstrom transportiert seine Wärme weiterhin nach NW, allerdings eben nicht weit genug.

So paradox das klingen mag, eine Ursache dafür kann der Rückgang des Polareises sein. Denn ein entscheidender Motor für den Golfstrom ist das kalte Wasser im Norden. Wenn sich das Eis nun mehr und mehr zurück zieht, wird das Wasser ganz im Norden wärmer. Auch ohne Golfstrom. Zwar nur ein wenig, aber offensichtlich reicht das, um die kalte Tiefenströmung zurück zum Golf zu stören. So greift ein Faktor in den anderen zu einem hochkomplexen System.

Wetterentwicklung vom 22.-25. Mai 2013

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Der Jet-Stream und das Azorenhoch

In einer Höhe von ca. 300 hpa, also knapp an der Tropopause, ziehen bekanntlich die Jet-Streams ihre Bahnen. In unseren Breiten hat der Polar-Jet einen weiteren entscheidenden Einfluss auf die Wettersituation. Das Starkwindband bewegt sich nicht Kreisförmig um die Nordhalbkugel, sondern in Wellen, ähnlich einem neandernden Fluss (Rosby-Welle). Derzeit (Frühjahr 2013) hat sich eine stehende Welle eingestellt, d.h. die Schleifen derselben verändern kaum ihre geografische Lage. Dies geschieht meistens, wenn sich fünf "Schwingungen" des Streams ausbilden, bei vier "wandert" die Welle.

Das Azorenhoch und der Jet-Stream haben wiederum folgenden Zusammenhang: Eine Stabilisierung der Bodenluft begünstigt eine Krümmung des Höhen-Luftstroms, während sich in der Folge im nördlichen Wellenbauch (Rechtsbewegung der Luft) das Hoch verstärkt.

Hat nun also das "Azorenhoch" den Kern zu weit im Norden, unetrstützt es die Welle des Jet-Streams und verstärkt deren Amplitude. Gleichzeitig verstärkt der Stream markant das Hoch über dem Atlantik. Das System stabilisiert sich sozusagen selbst.

Somit hat in dieser Konstellation die Polar-Jet-Stream-Welle über unseren Breiten sehr starke "Ausbuchtungen" (siehe Bilder unten), was wiederum nördlich des Schwingungsmaximums bei uns (das ist genau Zentraleuropa) mit Linksdrehung ständige Höhentiefs provoziert. Die Amplitude des Streams ist so so stark, dass die Wellen über Mitteleuropa immer wieder "brechen", so dass die Höhenkaltluft verwirbelt und in großen "Tropfen" herausgeschleudert wird, welche dann als schwer präzise vorhersagbare Höhentröge zu Boden sinken (siehe Jet-Forecast vom 22. Mai 12h).

Jet-Stream-Forecast 22.-25.-Mai 2013

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Vergleich Jet-Forecast für den 29. mit dem 22. Mai 2013 - wenig Änderung

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Alle diese ineinander verzahnten Faktoren und sicher noch sehr viele mehr bewirken schließlich eine recht stabile Wettersituation, wobei "stabil" in diesem Falle bedeutet, dass sie sich kaum verändert. Die Luft über Mitteleuropa ist dabei aber alles andere als stabil, denn wir befiden uns mitten in einer deutlichen und großen Tiefdruckrinne. Deren Höhentiefs bescheren uns ständig labile, kalte Polarluft mit markanten Luftmassengrenzen und den daraus resultierenden Fronten mit Niederschlag und viel Wind. Die Wärme des Mittelmeerwassers gegenüber der Höhenkaltluft wirkt dabei als zusätzlicher Motor für das System.

2003 hatten wir schon mal eine sehr stabile Situation, allerdings in einer für und Flieger weit positiveren Konstellation: Die stehende Welle des Polar-Jets stand mit ihrem deutlichen Wellenbauch nach Norden genau über Mitteleuropa. Wir waren also konstant im Hochdruck- Bereich südlich des Streams. Eine sog. Omega-Lage (nach der Form des griechischen Buchstabens). Und das über Monate.

Aussichten

schmetterling 800Im Moment sind die Prognosen eindeutig konstant wechselhaft. Aber wie das so ist mit den komplexen Systemen: Wenn sich ein Faktor ändert, und ist er auch zunächst noch so unscheinbar, dann kann sich auch das ganze System ändern. Hoffen wir also auf den Flügelschlag des Schmetterlings in Mexiko, der dann vielleicht eine Thermik auslöst, die ein Gewitter bildet, was wegen seiner Größe ein kleines Sturmtief provoziert, das dann schließlich nach Westen wandert und den Jet-Stream durcheinander bringt. Oder so Ähnlich. Warten wir's einfach ab. Ich bin in jedem Fall Optimist.

(Thomas)